Presse

3. Juni 2019, Jour­na­lis­tin Astrid Hänni

 


ZSZ Zürich­see-Zei­tung, 16.5.19 LANGNAU
Online-Link:
https://www.zsz.ch/horgen/was-fuer-ein-theater-in-der-baerenanlage/story/28904271

Was für ein Thea­ter in der Bären­an­lage

Zum Jubi­läum des Wild­nis­parks Lan­gen­berg hat Peter Niklaus Stei­ner das Stück «Wild­gar­ten. Orel­lis Odys­see» geschrie­ben: Ein Spiel über den Park­grün­der, der mehr war als nur ein Son­der­ling. 

Die Haupt­manns­toch­ter ist alles andere als amü­siert. Hat sie recht gehört? Ihr Ver­lob­ter will Förs­ter wer­den? Er, als ein von Orelli – mit Beto­nung auf das «von», ver­steht sich – gedenke, im Wald Füchse und Hasen zu zäh­len! Und, fast noch schlim­mer, dafür sei­nen Dienst bei der könig­li­chen Garde zu quit­tie­ren? So ent­täuscht seine Adele auch ist, so ent­schlos­sen ist Carl: «Die mili­tä­ri­sche Lauf­bahn ist nicht mein Weg.» Frei wolle er sein, Knecht von nie­man­dem. Nicht dem Töten ver­pflich­tet, son­dern: dem Leben. Und: «Die Liebe zum Wald und zu dir lässt mich atmen.» Kann ihm bei sol­chen Wor­ten Adele seine beruf­li­che Kehrt­wende noch ver­ar­gen?

Die Hin­wen­dung des Zür­cher Aris­to­kra­ten zur Natur ist der wohl der mar­kan­teste Wen­de­punkt im Leben von Carl Anton Lud­wig von Orelli. Bei­leibe aber nicht der ein­zige. Dies zeigt das Thea­ter­stück «Wild­gar­ten. Orel­lis Odys­see» des Lang­nauer Tur­bine- Thea­ters. Ab Sonn­tag wird die Frei­licht­pro­duk­tion in der alten Bären­an­lage im Wild­nis­park Lan­gen­berg auf­ge­führt – und damit in einer Spiel­stätte, die eini­ges auf sich hat.

Geschenk des Göt­tis
Was genau – das erfährt der Zuschauer bereits zu Beginn des Stücks. Einen Wild­gar­ten wolle er schaf­fen, ein Refu­gium, kün­digt von Orelli an. «Wo die Fauna geschützt ist vor den Men­schen.» Es ist dies das Tauf­ge­schenk für seine Paten­toch­ter Nanny – und «für

die Zukunft.» Von Orel­lis Worte hat­ten Bestand: Auf ihn und sei­nen Wild­gar­ten, geht der Wild­nis­park Lan­gen­berg zurück. Heuer vor 150 Jah­ren wurde er gegrün­det. Das Jubi­läum hat denn auch den Anlass gege­ben, das schil­lernde Leben des Par­kiniti­an­ten auf die Bühne zu brin­gen.
Von die­sem habe er, als er sich an die Recher­che für das Stück machte, nur soviel gewusst, sagt der Lang­nauer Regis­seur, Autor und Prot­ago­nist Peter Niklaus Stei­ner: «Man erzählte komi­sche Sachen über ihn.» Will heis­sen: Von Orelli habe sich zwar eine herr­schaft­li­che Villa bauen las­sen und Zeit sei­nes Lebens Haus­an­ge­stellte gehabt. Aber geschla­fen habe er auf dem Boden – auf einem Bären­fell, ein Holz­scheit unter dem Kopf. «Zudem pflegte er eine eigen­wil­lige Bezie­hung zum Tod», erklärt Stei­ner, «er stellte sich schon früh einen Sarg ins Haus.» Dazu hatte er den Plan eines eige­nen Mau­so­le­ums, einer gemein­sa­men Bestat­tung mit sei­nem bes­ten Freund.

Inten­sive Recher­che
Abge­se­hen von die­sen Son­der­lich­kei­ten, sagt Stei­ner, «war von Orelli für mich erst ein Buch mit sie­ben Sie­geln.» Umso her­aus­for­dern­der für den Text­au­toren, die Bio­gra­fie des 1808 in Zürich Gebo­re­nen zu erfor­schen. Dies tat er vorab in Doku­men­ten des Stadt­ar­chivs Zürich. Nicht zuletzt darum, weil eine wich­tige Lebens­sta­tion von von Orelli mit der Stadt zu tun hat: Es ist dies sein Amt als Stadt­forst­meis­ter, das wie­derum ver­knüpft ist mit aller­hand nicht sel­ten dra­ma­ti­schen Lebens­wen­dun­gen. Von die­sen habe er auch in älte­ren Aus­ga­ben der Lang­nauer Post gele­sen, sagt Stei­ner. «Das waren
zum Teil Rück­bli­cke von Leu­ten, die von Orelli noch gekannt haben.»
So habe sich ihm wäh­rend der gut halb­jäh­ri­gen Recher­che eine facet­ten­rei­che Per­sön­lich­keit erschlos­sen. Ein wei­te­res hal­bes Jahr gab Stei­ner in die dra­ma­tur­gi­sche Fas­sung von von Orel­lis Bio­gra­fie. «Er war eine span­nende Mischung aus Aris­to­krat und Natur­mensch»: Vol­ler Tat­kraft, begeis­te­rungs­fä­hig, gepflegt im Umgang. Aber auch: gebeu­telt von Schick­sa­len, geprägt von einer schwie­ri­gen Zeit.

Dass die Pro­bleme von dazu­mal nichts an Aktua­li­tät ein­ge­büsst haben – auch das macht das Stück deut­lich. Stich­wort Arten­ster­ben etwa: «Man sieht kein Wild mehr im Wald», stellt von Orelli ein­mal fest, «frü­her gab es hier Wölfe und Bären.» Und was heute die Digi­ta­li­sie­rung ist, war frü­her die Indus­tria­li­sie­rung: «Stän­dig diese Hek­tik!», sagt von Orelli an ande­rer Stelle zu eben­die­ser: «Eine neue Ver­skla­vung!» Aller­dings, erklärt Stei­ner, seien diese aktu­el­len Bezüge nicht ein­mal bewusst her­aus­ge­stellt
wor­den. (Zürich­see-Zei­tung)

Erstellt: 15.05.2019, 17:07 Uhr

Menü schliessen