In der griechischen Mythologie ging aus der Verbindung von Zeus (bei den Römern als «Jupiter» verehrt) und Alkmene der Halbgott Herkules hervor, der von Amphitryon aufgezogen wurde und als kräftigster Held des Altertums gilt. Er bestand für die Menschheit viele Abenteuer und Prüfungen und wurde schliesslich in den Olymp aufgenommen. Die Verbindung mit den Göttern war für das Überleben der Menschen wichtig. Jupiters’ Beischlaf mit Alkmene war damit ein heiliger Akt, der entsprechend geehrt wurde.
In einer frühen Dramatisierung des Stoffes aus dem Jahr 200 vor Chr. des römischen Dichters Plautus kommt «Amphitryon» bereits als Tragikomödie daher. Im Zentrum steht die Geburt von Herkules, der den Menschen von den Göttern als Zeichen ihrer Verbundenheit geschickt wurde.
In der Dramatisierung von Molière im Jahr 1668 findet Herkules noch Erwähnung, aber nur am Rande. Im Zentrum steht der Göttervater selber, der sich das Recht herausnahm, mit wem auch immer und in welcher Gestalt auch immer ins Bett zu steigen, wie ihn danach gelüstete. Weiss man doch, dass Jupiter Prinzessin Europa als Stier verführte, Leda als Schwan und Diane in der Gestalt ihrer Herrin, usw. Unschwer sind bei dem Göttervater die Züge von Molières Mäzen, dem Sonnenkönig Louis XIV zu erkennen, der für seine Liebschaften berühmt war. Molière griff ihn mit seiner Interpretation zwar nicht direkt an, die Seitenhiebe über das feudale Verhalten der hohen Herren sind aber spürbar. Ausserdem sind all die Konfusionen um die Verwechslungen und Doppelungen der Geschichte ein gefundenes Fressen für den Komödianten Molière.
In der Fassung von Kleist im Jahr 1803 erfährt der Stoff wieder eine andere Gewichtung. Kleist nahm sich Molière’s Fassung zur Vorlage, unterlegte ihr aber mit tragischen Momente einen tieferen Sinn. Jupiter zeugt Herkules und bringt damit die geschwängerte Alkmene und ihren Gatten in einen unlösbar scheinenden Konflikt, der vor allem bei Amphitryon zur Identitätskrise führt. Ebenso bekommt die leidtragende Alkmene grösseres Gewicht. Das Stück ist bei Kleist keine Gesellschaftskomödie mehr wie bei Molière, sondern wird zur melancholischen Tragikomödie.
Das turbine theater entschied sich, für die traditionelle Freilichtaufführung auf der heiteren Amphitryon-Seite zu bleiben und dabei die Rolle der Götter neu zu überdenken. Sie sollen weder Götzen zur Anbetung noch skrupellose Machtmenschen sein, sondern kommen aus der Gattung der Feld-, Wald- und Wiesengeister und/oder Ausserirdischen, die um die Gunst der Menschen buhlen und ihren Schabernack mit ihnen treiben. Dabei dient uns die Vorlage des Komödienmeisters Molière am besten. Wir nehmen sein Stück und gruppieren die Götterwelt darum herum neu.
Eine schlichte, helle Bühnenfläche steht für Zivilisation, Reinheit und Tugend. Sie ist umgeben von der bedrohlichen Wildnis des Urwaldes. Diese reine Fläche, die wie eine Insel in der Urnatur anmutet, weckt die Begehrlichkeit von Götterwesen, die an dekadente, streitsüchtige Elfen erinnern, deren «Capo» alles daran setzt, die schöne und tugendhafte Menschin «Alkmene» zu besitzen. So vollzieht sich eine eigentliche Umkehr der ursprünglichen Geschichte, die Menschen muten göttlicher an als die Götter selber! Die unmoralische Urwelt dringt auf verborgenen Pfaden in die zivilisatorisch-moralische ein und stellt sie mit ihrem Verlangen, verbotene Früchte zu pflücken, mächtig auf die Probe. Es entsteht ein Kampf zwischen Ur-Natur und Ideal. Wer den Sieg davonträgt, sei dahingestellt. Fest steht nur, dass die Komödie im spielerisch-heiteren, wortgewandten und gewitzten Kleid daherkommen soll!
Das französische Original ist in Versen und Reimen geschrieben, davon sieht die vorliegende Übersetzung ab. Der Text soll in einer verspielten, leicht verständlichen und pointierten Sprache Molière’s charakteristische Inhalte wiedergeben. Das Augenmerk liegt dabei auf der Dynamik, Unmittelbarkeit und Frische des sprachlichen Ausdrucks, die ebenso als Referenz für die neu dazu geschriebenen «Götter»-Szenen gilt.
