Stückrezeption

Das Stück „Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ wurde am 1. Dezember 1911 im Berliner Zirkus Schumann unter der Regie von Max Reinhardt uraufgeführt. Seit der Gründung der Salzburger Festspiele von Reinhardt, Hofmannsthal und Richard Strauss im Jahr 1920 steht das Stück alljährlich auf dem Spielplan und gilt mit seiner prominenten Aufführung auf dem Domplatz -nebst Aufführungen von Mozart und Strauss -als ihr Markenzeichen.Als Vorlage diente Hofmannsthal das englische Mysterienspiel „Everyman. A Morality Play“ aus dem 16. Jahrhundert. Er übernahm auch Elemente aus der „Comedi vom sterbend reichen Menschen“ von Hans Sachs, sowie Lieder des mittelalterlichen Minnesangs von Burkart von Hohenfels. Ein Charakteristikum des mittelalterlichen Mysterienspiels zeigt sich darin, dass nebst Menschen auch mystische Figuren auftreten wie der Sensenmann (Tod), der Mammon (Geld) oder der Glaube. Die Handlung des Mysterienspiels ist demnach eine Allegorie des christlichen Weltgefüges, vor dem sich der Mensch –„jedermann“ –verantworten muss. Der Jedermann-Stoff gelangte in Salzburg auf der Bühne der Benediktineruniversität bereits 1632 zur Aufführung.

Aufführungskonzept

Von Nico Jacomet.

Warum Jedermann?

Die Freilichtaufführungen des turbine theaters im Sihlwald sind und waren schon immer ein Sommerfest, wo Künstler und deren geschätzte Zuschauer zusammen die Freude am Theater und der Natur feiern dürfen. So ist denn auch das Stück, das die Summe des menschlichen Daseins aufzeigt, ein Fest. Es zeigt, dass der Mensch mit seinem Tun und Wirken für sein Seelenheil selbst verantwortlich ist und er sein weltliches Gut, sein angehäuftes Vermögen, nicht in den Tod mitnehmen kann. Diese Erkenntnis wird ihm nicht etwa durch eine Gottheit verkündet, sondern er erfährt sie durch die Begegnung mit seinen eigenen Taten, seinen Worten, seinen Anverwandten und seinem Glauben.

Gott und der Glaube

„Gott“, „Glaube“ und „Teufel“ treten im Stück personifiziert auf. In der heutigen Zeit wird Religion schnell zum heiklen Gesprächsthema, gerade in Bezug auf die katholische Kirche, von deren dogmatischen Seite wir uns in der Inszenierung klar distanzieren. Das mystische Thema und die grundlegenden Sinnfragen betreffen uns jedoch alle in irgendeiner Form; die Fragen nach einer höheren oder übergeordneten Macht, nach Gut und Böse, Schuld und Sühne. So wollen wir die christlich-orthodoxen Ansichten des Stückes aufbrechen und durch freiere Bilder und Figuren so transformieren, dass sich das Spiel für alle erschliessen kann und dennoch nichts von seinem humanen und sozialkritischen Gehalt einbüsst.

Form

Das Stück bietet eine wunderbare Leinwand, auf der die Sprache zwar sehr poetisch daherkommt, dafür aber universell ist und dadurch inszenatorisch vielseitig umsetzbar. Gepaart mit den malerischen Figuren, die bunt, liebevoll und vor allen Dingen für jedermann und -frau verständlich daherkommen müssen, bietet der Stoff ein Feuerwerk an fantastischen Bildern und eingehenden Klängen. Undnicht zuletzt verfolgen wir das Anliegen, die Figuren und Urkraft der Geschichte aus dem archaischen und immer dagewesenen Wald herauswachsen zu lassen.

Stücktitel

«Jedermann –Vom Sterben des reichen Mannes», ein Titel der im deutschen Theaterbereich einen so starken Berühmtheitsgrad aufweist, wie nur wenige andere. Natürlich wollen wir diesen Bekanntheits-Faktor keinesfalls verlieren. Im Bewusstsein jedoch, dass Jeder-MANN die weibliche und diverse Seite der Bevölkerung ausschliesst, haben wir ihn dem treffenden und heutigen Sprachgebrauch gemässen Titel JEDERMENSCH angepasst. Mit dem durchgestrichenen Mann ist der Originaltitel immer noch sichtbar, das Plakat wird jedoch die umfassendere Bedeutung des Stückes vermitteln, weil die Geschichte alle Menschen gleichermassen betrifft. Wir finden es dennoch richtig und wichtig, dass die Hauptrolle von einem mittelalten, weissen Mann gespielt wird, da dieser in der heutigen kapitalistischen Zeit noch immer oft zuoberst in der Hierarchie sitzt. Heisst es im originalen Stücktitel denn auch schon: «Jedermann –Vom Sterben des reichen Mannes»

Hugo von Hofmannsthal

Hugo von Hofmannsthal wird 1874 in Wien geboren. Bereits im Gymnasium veröffentlicht er zahlreiche Gedichte unter dem Pseudonym Loris Melkow. Er gehörtdem Jung-Wien an, einer Gruppe junger Wiener Literaten, die die Wiener Moderne einläuten. Diese Literaturströmung fördert den Naturalismus und spricht sich für eine Kunst um der Kunst willen aus. Weitere bekannte Vertreter dieser Gruppe sind die Schriftsteller Hermann Bahr und Arthur Schnitzler, die sich zusammen mit den anderen häufig in Wiener Kaffeehäusern versammeln und dort ihre Treffen abhalten.

Hofmannsthal beginnt 1892 auf Druck seines Vaters ein Jurastudium. Schon während seines Studiums schreibt er Gedichte und Theaterstücke.1903 heiratet er dann Gertrud Schlesinger. Bis zum Beginn des ersten Weltkrieges unternimmt er zahlreiche Reisen und hält Briefkontakt zu den Intellektuellen seiner Zeit, wie beispielsweise Rainer Maria Rilke. Entscheidend für Hofmannsthals Werk sind auch die Bekanntschaften mit Richard Strauss und Max Reinhardt. Mit ihnen arbeitet er am Theater zusammen und entwirft seine Pläne für Theater mit großen Bühnen. Für Richard Strauss schreibt er Libretti, also die Texte für die Opern „Elektra“, „Der Rosenkavalier“ und „Ariadne auf Naxos“. Nach dem Krieg begründet er mit beiden die Salzburger Festspiele. Reinhardt ist für die Inszenierung zuständig, Hofmannsthal für die Texte und Strauss für die Musik. 1929 begeht sein Sohn Selbstmord und auch Hofmannsthal stirbt zwei Tage darauf auf dem Weg zur Beerdigung seines Sohnes an einem Schlaganfall.